Der alte Gott lebt noch

 

Es war eines Sonntags Morgen. Die Sonne schien hell und warm in die Stube; linde erquickliche Lüfte zogen durch die offenen Fenster; im freien unter dem blauen himmel jubilierten die Vögel und die ganze Landschaft, in Grün gekleidet und mit Blumen geschmückt, stand da wie eine Braut an ihrem Ehrentage. Aber während nun draußen überall Freude herrschte, brütete im Hause, in jener Stube, nur Trübsal und trauer. Selbst die Hausfrau, die sonst immer eines heiteren und guten Mutes war, saß heute mitumwölktem Antlitz und mit niedergeschlagenem Blicke da beim Morgenimbiß und sie erhob sich zuletzt, ohne etwas zu essen, vom Sitze, und eine Träne aus dem Auge wischend, eilte sie gegen die Tür zu.

 

Es schien aber auch in der Tat, als wenn der Fluch auf diesem Hause lastete. Es war Teuerung im Lande, das Gewerbe ging schlecht, die Auflagen wurden immer drückender, das Hauswesen verfiel von Jahr zu Jahr mehr und es war am Ende nichts abzusehen als Armut und Verachtung. Das hatte den Mann, der sonst ein fleißiger und ordentlicher Bürger war, schon seit langer Zeit trübsinnig gemacht, dergestalt, daß er an seinem ferneren Fortkommen verzweifelte und manchmal sogar äußerte, er wolle sich selbst ein Leid antun und seinem elenden und trostlosen Leben ein Ende machen. Da half auch kein Zureden von Seiten seiner Frau, die sonst immer aufgeräumten Sinnes war, und alle Trostgründe seiner Freunde, weltliche und geistliche, verschlugen nichts und machten ihn nur schweigsamer und trübseliger.

 

Der geneigte Leser wird denken, da sei es kein Wunder gewesen, daß dann zuletzt auch die Frau all ihren Mut und ihre Freude verloren hat. Es hatte aber mit ihrer Traurigkeit eine ganz andere Bewandnis, wie wir bald hören werden. Als der Mann sah, daß auch sein Weib trauerte und nun forteilte, hielt er sie an und sprach: "Ich lass dich nicht aus der Stube, bist du sagst was dir fehle."  Sie schwieg noch eine Weile; dann aber tat sie den Mund auf, und indem sie einen tiefen Seufzer holte, sprach sie: "Ach, lieber Mann, es hat mir heute Nacht geträumt unser lieber Herrgott sei gestorben und die lieben Engelein seien ihm zur Leiche gegangen." - "Einfalt!" sagte der Mann; "wie kannst du so etwas Albernes für wahr halten oder auch nur denken? Herzlieb, bedenk doch, Gott kann ja nicht sterben!" Da erheiterte sich plötzlich das Gesicht der guten Frau, und indem sie des Mannes beide Hände erfaßte und zärtlich drückte, sagte sie: "Also lebt er noch, der alte Gott?" - "Ja, freilich!" sprach der Mann; wer wollte denn daran zweifeln?" Da umschlang sie ihn und sah ihn an mit ihren holdseligen Augen, aus denen zuversicht und Friede und Freudigkeit strahlte, und sie sprach: "Ei nun, Herzensmann, wenn der alte gott noch lebt, warum glauben und vertrauen wir denn nicht auf ihn, der unsere Haare gezählt hat und nicht zuläßt, daß eines ohne seinen Willen ausfalle, der die Lilen des Feldes bekleidet und die Sperlinge ernährt und die jungen Raben, die nach Futter schreien?"

 

Bei diesen Worten geschah es dem Manne, als fielen ihm plötzlich Schuppen vom Auge und als löste sich das Eis, das sich um sein Herz gelegt hatte. Und er lächelte zum ersten Male wieder nach langer Zeit und er dankte seinem frommen, lieben Weibe für die Liust, die sie angewandt, um seinen toten Glauben an Gott zu beleben und das Zutrauen zu ihm hervorzurufen. Und die Sonne schien nun noch freundlicher in die Stube auf das Antlitz zufriedener Menschen und die Lüfte wehten erquicklicher um ihre verklärten Wangen und die Vögel jubilierten noch lauter in den Dank ihrer Herzen gegen Gott.

 

                                                                              Ludwig Auerbacher

                                                                            Aus einem uralten Lesebuch

                                                                                                 der katholischen Volkshaupt-

                                                                                                                schule Bayerns.

 

 

Wenn wir im Wohlstand Gott aus unseren Herzen verbannt haben, welche Hoffnung haben wir dann in der Not? Werden wir dann nicht verzweifeln und hassen und großes Blutvergießen anrichten? Was bleibt, wenn scheinbar nichts mehr bleibt? Das Innenleben verkümmert bei immer mehr Menschen und es tritt in der Not besonders stark zutage!