Franzoesischer Raub Straßburgs

 

Auszug aus einem alten Deutschen Schullesebuch:

 

Es war in der Nacht zum 28. September 1681. die alte Deutsche Reichsstadt am Rhein lag in mildem mondlicht und tiefem Schlummer. Der Wächter auf der Plattform des Münsters lehnte behaglich am Geländer und sah in die stille Nacht; ein Nachtwächter stieß ins Horn und sang mit schläfriger Stimme die Stunde ab. Es war zwei Uhr morgens. Da wurden vom Rhein her dumpfe Töne wach. Lichter fackelten nach draußen hin und her; einige Schüsse fielen. Was war das? - Der Wächter auf dem Münsterturm gähnte und der Torwart des Metzgertores wickelte sich verächtlich in seinen Mantel. "Pah, es sind französische Truppen! Sie machen eine Nachtübung." Aber da draußen wurde es immer lauter. Wirre Stimmen erschollen: laufende Menschen kamen durch die Nacht; endlich tauchten im Mondschein die ersten Flüchtlinge von Kehl her auf. "Holla, Torwache, aufgemacht! Straßburg alarmiert! Die Franzosen haben die Rheinschance überfallen und besetzt. Es wimmelt von französischen Truppen! Der Anschlag gilt Straßburg!" Der Torwart stieß ins Horn; die Wache stürzte zu ihren Waffen. Der nahe Torwächter nahm ihren Alarmruf auf; die flüchtigen Soldaten von der Rheinschanze, verstärkt durch die Soldaten des Tors, liefen teils ans Münster und schrien es dem Glöckner zu, teils zum Stadtkommandanten von Jahnek - und eine Viertelstunde später gellte die mordglocke, die Sturmglocke, in kurzen, wilden Tönen über das ahnungslose Straßburg. - Jetzt wurde es laut in der nächtlichen Stadt, Fensterläden wurden aufgeschlagen, Fenster wurden hell, fragende Gesichter streckten sich heraus; von Haus zu Haus ging ein Rufen durch die Nacht: "He, Nachbar, was gibt’s? Wo brennts? Warum läuten sie denn? Und "Die Franzosen sind da! Die Franzosen!"

 

die Besatzung, die aus achthundert Mann bestand, eilte im Laufschritt auf ihre Bastionen. Die wehtfähige Bürgerschaft, etwa dreitausend Mann, bewaffnete sichund rannte von allen Seiten her mit windlichtern und Fackelnnach ihren Lärmplätzen, jeder zu seiner Zunft und Abteilung. Der tapfere Stadtkommandant ließ im Nu die Kanonen auf die Wälle fahren und so war denn die freidliche Sepembernacht von laufenden, rufenden Bewaffneten, von hin und hersprengenden Boten, von rasselnden Kanonen in einem augenblick unheimlich verwandelt. Ganz Straßburg war lebendig.  Im großen Saaldes Rathauses hatten sich unterdessen die Ratsherren versammelt. Das Sturmläuten von Sankt Nikolai dauerte immer noch fort; man hoffte die Bauern der Umgegend herbeizurufen als Verstärkung der schwachen Besatzung. Viele Familien flohen auch in die Stadt und brachten die Nachricht mit, daß von allen Seitenm her eine große französische ArmeeStraßburg umzingele.  (.....)  Als sich die Ratsherrenvon den Wällen aus selbst überzeugt hatten, daß die Umgebung überschwemmt sei mit französischen Soldaten, - da zog tiefe Mutlosigkeit in die Stadt ein. Die Bürger und Soldaten standen traurigmit ihren Gewehren auf den Wällen und sahen zu, wie draußen die lachenden und singenden Franzosen das reife Obst von den Bäumen plünderten. Dann wurde am Morgen des 30. September in Gegenwart des inzwischen zu Illkirch eingetroffenen Louvois die traurige Urkunde unterzeichnet.

Straßburg, die alte Reichstadt, war französisch.     

                                                                              Fritz Lienhard