Aus einem alten Lesebuch

In der Winternacht

Es wächst viel Brot in der Winternacht,

weil unter dem Schnee frisch grünet die Saat;

erst wenn im Lenze die Sonne lacht,

spürst du, was Gutes der Winter tat.

Und deucht die Welt dir öd und leer,

und sind die Tage dir rauh und schwer:

sei still und hab des Wandels acht:

es wächst viel Brot in der Winternacht.

Friedrich Wilhelm Weber

 

Abschied

Ein Birkchen stand am Weizenfeld,

ga Schatten kaum erst 16 Jahr.

Das hat den Bauern sehr erbost,

daß die paar Fuß der Sonne bar.

Ich ging vorbei, der Bauer schlug,

dem Stämmchen ward es wund und weh.

Es quält die Axt, das Bäumchen ächzt

und ruft mir zu: Ade, ade!

Die Krone schwankt, ein Vöglein kam,

das seinen Frieden hatte dort;

noch einmal sucht im Hin und Her

das Grallchen Halt im grünen Port.

Das Bäumchen sinkt, der Vogel fliegt

mit wirrem Zwitscherlaut ins Land.

Ich schämte mich vor Baum und Tier

und schloß die Augen mit der Hand.

Detlev von Liliencron

 

Leise sinkt.

Leise sinkt vom Lindenbaum

Blatt um Blatt; sein Frühlingstraum

liegt in bunten Scherben.

Leise sinkt, du merkst es kaum,

Blatt um Blatt vom Lebensbaum.

Denkst auch du ans Sterben?

Joseph Seeber

 

 

Wieviel brauchst du am Ende?

Es gibt Menschen, die bekommen nicht genug an irdischen Gütern.

Und doch ist es nur wenig was der Mensch am Ende braucht. War

da in Rußland ein Bauer. Dem ging es gut. Eines Tages aber flüsterte

ihm der Teufel ins Ohr, er könne es noch besser haben. "

(Hier könnte man die Geschichte schon beenden, weil man ihr böses Ende

ahnt. Der Bauer wurde ungemein geschäftig bis zur totalen Selbstvergessenheit,

bis zum Herzinfarkt und bekam ein Loch gegraben)

"zwei Meter lang und nicht ganz einen Meter breit;

denn soviel braucht der Mensch am Ende." Ignaz Klug

 

Der Kuckuck

Der Kuckuck sprach zu einem Star,

der aus der Stadt entflohen war:

"Was spricht man", fing er an zu schreien,

"dort über unsre Melodeien?

Was spricht man von der Nachtigall?" -

"Die ganze Stadt lobt ihrer Lieder Schall." -

"Und von der Amsel?" fuhr er fort.

Auch diese lobt man hier und dort." -

"Ich muß dich noch was fragen:

Was", rief er, "spricht man denn von mir?" -

"Das", sprach der Star, "kann ich nicht sagen;

denn keine Seele redt von dir." -

"So will ich", fuhr er fort, "mich an dem Undank rächen

und ewig von mir selber sprechen."

Christian Fürchtegott Gellert

 

Der Sonntag

Als Gott der Herr seine ungehorsame Kinder aus dem Paradies

wies und ihnen die Pforte verschloß für alle Zeit, da ließ er einen

Tröster mit ihnen ziehen in die rauhe Welt. Das war der Sonntag.

Immer wieder, wenn die Arbeitswoche zu Ende war, nahm er das

Joch von ihren Schultern und trocknete den Schweiß von ihrer

Stirn, und unter der Berührung seiner milden Hand richteten sie

sich auf und gedachten, daß sie Gotteskinder seien auch in der

Verbannung, Königskinder auch in der Erniedrigung der Buße.

Der Sonntag lächelte sie an und sie freuten sich mitten in ihrer

Mühsal und es war, als umwehte sie wieder ein Hauch aus dem

Paradiese, ein Hauch der Ruhe und des Friedens. Der Sonntag

redete zu ihnen und tröstete sie, er sang seine heiligen Lieder und

sie stimmten mit ein und vergaßen der Disteln und Dornen.

Halte den Sonntag in Ehren!

 

Wer würde sich die Mühe machen aus alten

Lesebüchern Texte abzutippen und uns zuzusenden?