Buchtip Karl May

"Am Jenseits"

Leseprobe:

Gespräch des christlichen "Kara Ben Nemsi" mit einer muslimischen Frau:

"...Aus dem, was du erzählst, folgt, daß deine Großmtter eine Seele gehabt hat?"

"Allerdings."

"Glaubst du, das sie die einzige Frau auf Erden war, welche Allah eine Seele gab?"

"Nein, denn jedes Weib erhielt dies Gottesgeschenk."

"Und der Islam lehrt, das Weib besitze keine Seele und könne also auch nicht teilnehmen an den ewigen Freuden des Paradieses. Der Islam sagt, das Weib sei nur zu dem Zweck geschaffen, mit ihrem Körper Dienerin des Mannes zu sein, und darum habe mit dem Tode dieses Körpers für sie alles Leben aufgehört. Ich habe mit dir, Effendi, in jener Nacht hinter den Zelten über diesen uns beleidigenden Glauben gesprochen und du erfüllst mein Herz mit Trost und Beruhigung, indem du mir die Überzeugung gabst, daß wir Frauen auch eine Seele besitzen und also ebenso wie ihr zur Seligkeit berufen sind. (...) "Wie fest du glaubst, Sidhi!" meinte Hanneh, indem sie in tiefer Rührung die Hände faltend ineinander legte. "Es gibt wohl nichts, gar nichts, was dich in diesem unerschütterlichen Glauben irremachen könnte?" "Nichts!" Ich habe mit allen möglichen Unholden des äußeren und des Seelenlebens um ihn gerungen und bin auch jetzt noch in jedem Augenblicke bereit, für ihn zu kämpfen und mein Leben einzusetzen. Glaube mir, die in Menschengestalt sichtbaren Feinde sind nicht die stärksten und die schlimmsten Gegner dieser meiner seligmachenden Glaubenszuversicht; die heißesten Kämpfe werden vielmehr im Verborgenen Innern ausgerungen, wo der Einfluß dunkler Mächte größer ist als im sichtbaren Leben, welches nur die Wirkung dieses Einflusses sein kann. Wohl dir, meine liebe Hanneh, wenn deine Engel die Hände über dich breiten, um solche Mächte und solche Kämpfe von dir fernzuhalten! Nicht jeder besitzt die Überzeugungskraft, welche erforderlich ist, siegreich aus ihnen hervorzugehen."

Da lächelte sie mich herzig an und sagte:

"Sihdi, warum soll ich kämpfen, also etwas so Schweres tun, was ich ja gar nicht nötig habe? Du hast mir deinen herrlichen Glauben gebracht und mir in mein Herz gelegt. Was du mir gibst, ist gut. Da liegt er nun wie eine Sonne, die mich und mein ganzes Leben hell erleuchtet und erwärmt, und wo es eine solche Sonne gibt, da können finstere Mächte doch nicht sein. Wir haben jetzt hier ein irdisches Kijahma erlebt, die Auferstehung eines Leibes von den Toten; du aber hast mir durch deinen Glauben schon längst eine schöne, eine herrliche Kijahma gebracht, eine Auferstehung der Seele von dem Tode, ein Hervorsteigen aus dem Grab des Irrtums, in welchem es für mich kein Wiedererwachen, sondern nur Verwesung gab. Dieses Kijahma ist für dich im Buch des Lebens aufgezeichnet und wird für dich zeugen wenn einst deine Taten, Worte und Gedanken abgemessen werden!"

"Sie hat in Gottes Willen gelegen und ist das Geschenk seiner Liebe, die alle Menschen selig machen will; ich besitze kein Recht, mir einen Dank dafür anzumaßen. Es ist ja so leicht, den Glauben in ein Herz zu legen, welches ihm so sehnend, so willig und voll Vertrauen offen steht. Zwar ist dieses Sehnen in jede Menschenbrust gelegt, aber zugleich wohnen da auch die Geister des Hochmutes, der Selbstgefälligkeit, der Genußsucht, des Ungehorsams, der sich nicht strafen lassen will, und noch viele andere, die es nicht zu Wort kommen lassen."

Da nahm Oma Ben Sadek das Wort, indem er sagte:

"Effendi, du sagst die Wahrheit, wenn du von diesen Geistern redest. Was war ich für ein Mann, als du mich kennen lerntest? Ein nach Rache, nach blutiger Vergeltung schnaubender Mensch, ein Anhänger des Islam, der nur sich selbst liebte, seine Feinde haßte und gegen alle anderen Personen nichts als stolze Gleichgültigkeit empfand."

(...)

"Da begann der Blinde in demselben eindringlichen Ton von neuem: (..) Ich bin fern von der Erde. Ich kann die Körper der Menschen nicht erkennen, aber ich sehe die Fluten ihrer Gebrechen und Sünden wogen wie einen Ozean von Pol zu Pol. Hoch über mir leuchtet ohne Anfang und Ende die Liebe des Himmels. Hoch über mir beten die Scharen der Seligen zum Lichte der Welt. Tief unten zieht Finsternis üer die Länder, der Haß und die Zwietracht über Berg und Tal. Wo sind die, welche Gottes Stimme hören und aufwärts steigen zum Glück? Es sind ihrer so wenige, daß ich sie nicht zu sehen vermag. Das Geschlecht der Menschen hat keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören; es geht der Nacht entgegen anstatt dem Tage. Eine lockt und winkt dem andern; einer schiebt und drängt den andern; so führen und stoßen sie sich weiter und weiter, vom Licht ab und der Finsternis entgegen. Die Menschen wollen sich von Gott nicht mehr strafen, nicht mehr leiten und führen lassen. Sie halten ihren eigenen Geist für klüger als den Geist der Liebe und der Wahrheit, der alle Himmel regiert und alle Welten lenkt. Sie sitzen darüber zu Gericht, ob es einen Gott gibt oder nicht. Entweder verleugnen sie ihn, oder, wenn sie das nicht tun, so lassen sie sich von ihren armen blinden Wissenschaften einen Tempel bauen, in welchen sie ein Abbild ihrer hochmütigen Schwäche setzen, um es Gott zu nennen. Ich sage euch, diese Anbetung ihrer eigenen Ohnmacht ist eine Abgötterei, welche Gott strenger bestrafen wird als den unverschuldeten Irrtum der Heiden, welche nur deswegen Götzen verehren, weil sie keine Offenbarung hatten!"