Dünner Halt

"Oft sitze ich vor mir selber wie vor einem Fremden, wenn der Rätselhafte Widerschein des Früher in stillen Stunden wie ein matter Spiegel der Umrisse meines jetzigen Daseins außer mich stellt, und ich wundere mich dann darüber, wie das unnennbar Aktive, das sich Leben nennt, sich angepaßt hat selbst an diese Form. Alle anderen Äußerungen liegen im Winterschlaf, das Leben ist nur auf einer beständigen Lauer gegen die Bedrohungen des Todes, - (...) es hat uns die Gleichgültigkeit von Wilden verliehen, damit wir trotz allem jeden Moment des Positiven empfinden und als Reserve aufspeichern gegen den Ansturm des Nichts. So leben wir ein geschlossenes, hartes Dasein äußerster Oberfläche, und nur manchmal wirft ein Ereignis Funken. Dann aber schlägt überraschend eine Flamme schwerer und furchtbarer Sehnsucht durch. Da sind die gefährlichen Augenblicke, die uns zeigen, daß die Anpassung doch nur künstlich ist, daß sie nicht einfach Ruhe ist, sondern schärfste Anspannung zur Ruhe. (...) unsere Kräfte sind nicht auf Weiter-, sondern auf Zurückentwicklung angespannt. (..) Und mit Schrecken empfindet man nachts, aus einem Traum aufwachend, überwältigt und preisgegeben der Bezauberung heranflutender Gesichte, wie dünn der Halt und die Grenze ist, die uns von der Dunkelheit trennt - wir sind kleine Flammen, notdürftig geschützt durch schwache Wände vor dem Sturm der Auflösung und Sinnlosigkeit, indem wir flackern und manchmal fast ertrinken. Dann wird das gedämpfte Brausen der Schlacht zu einem Ring, der uns einschließt, wir kriechen in uns zusammen und starren mit großen Augen in die Nacht. (..) Jeder Tag und jede Stunde und jeder Tote wetzen an diesem dünnen Halt und die Jahre verschleißen ihn rasch. Ich sehe, wie er allmählich schon um mich herum niederbricht. (...) Ein fürchterliches Gefühl der Fremde steigt plötzlich in mir hoch. Ich kann nicht zurückfinden, ich bin ausgeschlossen; so sehr ich auch bitte und mich anstrenge, nichts bewegt sich, teilnahmslos und traurig sitze ich wie ein Verurteilter da, und die Vergangenheit wendet sich ab. (...) Bilder ziehen vorüber, sie haken nicht fest, es sind nur Schatten und Erinnerungen . Worte, Worte, Worte - sie erreichen mich nicht.

Diese Worte schrieb Erich Maria Remarque in seinem Buch: "Im Westen nichts Neues.", sie beziehen sich auf den Krieg, sind aber auf ganz erschütternde Weise gerade in unseren Tagen auch ohne militärischen Krieg in Deutschland wieder aktuell geworden. Denn der Krieg gegen das geschützte Menschenbild geht auch durch die pervertierte Demokratie unausgesetzt weiter und vernichtet unzählige Menschen: Geborene wie Ungeborene.