Gedichte

Trutznachtigall

In stiller Nacht zur ersten Wacht ein Stimm begunnt zu klagen, der nächtge Wind hat leis und lind zu mir den Klang getragen. Von herbem Leid und Traurigkeit ist mir das Herz zerflossen. Die Blümelein mit Tränen mein hab ich sie all begossen.

Der schöne Mon will untergohn, für Leid nit mehr mag scheinen. Die Sterne lahn ihr Glitzen stahn, mit mir sie wollen weinen. Kein Vogelsang noch Freudenklang man höret in den Lüften. Die wilden Tiere traurn mit mir in Steinen und in Klüften.

Friedrich von Spee

Wach auf!

Ach, laß dich doch erwecken,

Wach auf, wach auf, du harte Welt,

Eh als das harte Schrecken

Dich schnell und plötzlich überfällt!

Paul Gerhard

O Haupt voll Blut und Wunden

Oh Haupt voll Blut und Wunden,

Voll Schmerz und voller Hohn,

Oh Haupt zu Spott gebunden

Mit einer Dornenkron!

O Haupt, sonst schön gezieret

Mit höchster Ehr und Zier,

Jetzt aber hochschimpfieret,

Gegrüßet seist du mir!

Nun, was du, Herr, erduldet,

Ist alles meine Last,

Ich hab es selbst verschuldet,

Was du getragen hast!

Schau her, hier steh ich Armer,

Der Zorn verdienet hat,

Gib mir, o mein Erbarmer,

Den Anblick deiner Gnad.

Wenn ich einmal soll scheiden,

So scheide nicht von mir;

Wenn ich den Tod soll leiden,

So tritt du dan herfür.

Wenn mir am allerbängsten

Wird um das Herze sein,

So reiß mich aus den Ängsten

Kraft deiner Angst und Pein.

Paul Gerhard

Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;

Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;

Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,

So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Andreas Gryphius

Ich will dich lieben

Ich will dich lieben, meine Stärke

Ich will dich lieben meine Zier,

Ich will dich lieben mit dem Werke

Und immerwährender Begier.

Ich will dich lieben schönstes Licht,

Bis mir das Herze bricht.

Ich will dich lieben o mein Leben

Als meinen allerbesten Freund.

Ich will dich lieben und erheben,

Solange mich dein Glanz bescheint.

Ich will dich lieben, Gottes Lamm,

Als meinen Bräutigam.

Ich lief verirrt und war verblendet,

Ich suchte dich und fand dich nicht;

Ich hatte mich von dir gewendet

Und liebte das geschaffne Licht;

Nun aber ists durch dich geschehn,

Daß ich dich hab ersehn.

Angelus Silesius

Der Mensch

Empfangen und genähret

Vom Weibe wunderbar

Kömmt er und sieht und höret

Und wird des Trugs nicht wahr,

Gelüstet und begehret

Und bringt sein Tränlein dar,

Verachtet und verehret,

Hat Freude und Gefahr,

Glaubt zweifelt, wähnt und lehret,

Hält nichts und alles wahr,

Erbauet und zerstöret

Und quält sich immerdar,

Schläft, wachet, wächst und zehret,

Trägt braun und graues Haar.

Und alles dieses währet,

Wenns hoch kommt, achtzig Jahr.

Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,

Und er kömmt nimmer wieder.

Matthias Claudius

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,

die goldnen Sterne prangen

Am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget,

Und aus den Wiesen steiget

Der weiße Nebel wunderbar.

wie ist die Welt so stille

Und in der Dämmrung Hülle

So traulich und so hold,

Als eine stille Kammer,

Wo ihr des Tages Jammer

Verschlafen und vergessen sollt.

Sehr ihr den Mond dort stehen?

Er ist nur halb zu sehen

Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen,

Die wir getrost belachen,

Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder

Sind eitel arme Sünder

Und wissen gar nicht viel;

Wir spinnen Luftgespinste

Und suchen viele Künste

Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,

Auf nichts Vergänglichs trauen,

Nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden

Und vor dir hier auf Erden

Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen

Aus dieser Welt uns nehmen

Durch einen sanften Tod!

Und, wenn du uns genommen,

Laß uns in Himmel kommen,

Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,

In Gottes Namen nieder;

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns Gott! mit Strafen,

Und laß uns ruhig schlafen

Und unsern kranken Nachbarn auch!

Matthias Claudius

 

Kriegslied

s ist Krieg! s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,

Und rede du darein!

s ist leider Krieg – und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein.

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen

Und blutig bleich und blaß

Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen

Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,

Verstümmelt und halb tot

Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten

In ihrer Todesnot?

Wenn tausend Väter, Mütter, Bräute,

so glücklich vor dem Krieg,

Nun alle elend, arme Leute,

Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten

Freund, Freund und Feind ins Grab

Versammelt und mir zu Ehre krähten

Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und ehre?

Die könnten mich nicht freun!

s ist leider Krieg – und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein.

Matthias Claudius

Der alte Landmann und sein Sohn

Üb immer Treu und Redlichkeit

Bis an das kühle Grab

Und weiche keinen fingerbreit

Von Gottes Wegen ab;

Dann wirst du wie auf grünen Aun,

Durchs Pilgerleben gehn,

Dann kannst du sonder Furcht und Graun

Dem Tod ins Auge sehn.

Heinrich Hölty

 

Harvenspieler

Wer nie sein Brot mir Tränen aß,

Wer nie die kummervollen nächte

Auf seinem Bette weinend saß,

Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein,

Ihr laßt den Armen schuldig werden,

dann überlaßt ihr ihn der Pein:

Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Johann Wolfgang Goethe

 

An den Mond

Füllest wieder Busch und Tal

Still mit Nebelglanz,

Lösest endlich auch einmal

Meine Seele ganz,

Breitest über mein Gefild

Lindernd deinen Blick,

Wie des Freundes Auge mild

Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz

Froh- und trüber Zeit,

Wandle zwischen Freud und Schmerz

In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluß!

Nimmer werd ich froh,

So verrauschte Scherz und Kuß

Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,

Was so köstlich ist!

Daß man doch zu seiner Qual

Nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das entlang,

Ohhne Rast und Ruh,

Rausche, flüstre meinem Sang

Melodien zu.

Wenn du in der Winternacht

Wütend überschwillst

Oder um die Frühlingspracht

Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt

Ohne Haß verschließt,

Einen Freund am Busen hält

Und mit dem genießt.

Was von Menschen nicht gewußt

Oder nicht bedacht,

Durch das Labyrinth der Brust

Wandelt in die Nacht.

Johann Wolfgang Goethe

 

Das verlassene Mägdlein

Früh, wann die Hähne krähn,

Ehe die Sternlein verschwinden,

Muß ich am Herde stehn,

Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flamme Schein,

Es springen die Funken;

Ich schaue so drein,

In Leid versunken.

Plötzlich, da kommt es mir,

Treuloser Knabe,

Daß ich die Nacht von dir,

Geträumet habe.

Träne auf Träne dann

Stürzet hernieder;

So kommt der Tag heran –

O ging er wieder!

Eduard Mörike

Trauriges Herz

Mein Herz, mein Herz ist traurig,

Doch lustig leuchtet der Mai;

Ich stehe, gelehnt an der Linde,

Hoch auf der alten Bastei.

Da drunten fließt der blaue

Stadtgraben in stiller Ruh;

Ein Knabe fährt im Kahne

Und angelt und pfeift dazu.

Jenseits erhebt sich freundlich

In winziger, bunter Gestalt

Lusthäuser und Gärten und Menschen

Und Ochsen und Wiesen und Wald.

Die Mägdlein bleichen Wäsche

Und springen im Gras herum;

Das Mühlrad stäubt Diamanten,

Ich hör sein fernes Gesumm.

Am alten grauen Turme

Ein Schilderhäuschen steht;

Ein rotgeröckter Bursche

Dort auf und nieder geht.

Er spielt mit seiner Flinte,

Die funkelt im Sonnenrot,

Er präsentiert und schultert –

Ich wollt, er schösse mich tot.

Heinrich Heine

Ein Jüngling liebt

Ein Jünglin liebt ein Mädchen,

die hat einen andern erwählt;

Der andre liebt eine andre

Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger

Den ersten besten Mann,

Der ihr in den Weg gelaufen;

Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,

doch bleibt sie immer neu;

und wem sie just pasieret,

Dem bricht das Herz entzwei.

Heinrich Heine

Wo?

Wo wird einst des Wandermüden

Letzte Ruhestätte sein?

Unter Palmen in dem Süden?

Unter Linden an dem Rhein?

Werd ich wo in einer Wüste

Eingescharrt von fremder Hand?

Oder ruh ich an der Küste

Eines Meeres in dem Sand?

Immerhin! Mich wird umgeben

Gottteshimmel, dort wie hier,

Und als Totenlampen schweben

Nachts die Sterne über mir.

Heinrich Heine

Gode Nacht

Över de stille Straaten

Geit klar de Klokkenslag;

God Nacht! Din Hart will slapen,

Und morgen is ok en Dag.

Din Kind liggt in de Weegen,

Un ik bin ok bi di;

Din Sorgen un din Leven

Is allens um un bi.

Noch eenmal lat uns spräken:

Goden Abend, goode Nacht!

Der Maand schient ob de Däken,

Uns Herrgott hölt de Wacht.

Theodor Storm

 

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein,

Kein Baum sieht den andern,

Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,

Als noch mein Leben licht war;

Nun, da der Nebel fällt,

Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkel kennt,

Das unentrinnbar und leise

Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Leben ist Einsamsein.

Kein Mensch kennt den andern,

jeder ist allein.

Hermann Hesse

Traurigkeit

Die mir noch gestern glühten,

Sind heut dem Tod geweiht,

Blüten fallen um Blüten

Vom Baum der Traurigkeit.

Ich seh sie fallen, fallen

Wie Schnee auf meinen Pfad,

Die Schritte nicht mehr hallen,

Das lange Schweigen naht.

Der Himmel hat nicht Sterne,

Das Herz nicht Liebe mehr,

Es schweigt die graue Ferne,

Die Welt ward alt und leer.

Wer kann sein Herz behüten

In dieser bösen Zeit?

Es fallen Blüten um Blüten

Vom Baum der Traurigkeit.

Hermann Hesse

Trauerspiel

Der Tiger schreitet seine Tagesreise

Viel Meilen fort.

Zuweilen gegen Abend nimmt er Speise

Am fremden Ort.

Die Eisenstäbe, alles, was dahinter

Vergeht und säumt,

Ist Schrei und Stich und frostig fahler Winter

Und nur geträumt.

Er gleitet heim: und mußte längst verlernen,

Wie Heimat sprach.

Der Käfig stutzt und wittert sein Entfernen

Und hetzt ihm nach.

Er flackert heller aus dem blinden Schmerze,

Den er nicht nennt,

Nur eine goldne rußgestreifte Kerze,

Die glitzernd sich zu Tode brennt.

Gertrud Kolmar

Chor der Geretteten

Zeigt uns langsam eure Sonne.

Führt uns von Stern zu Stern im Schritt.

Laßt uns das Leben leise wieder lernen.

Nelly Sachs

Die Schritte

Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt,

Klein wird dein letzter sein.

Den ersten gehn Vater und Mutter mit,

Den letzten gehst du allein.

Seis um ein Jahr, dann gehst du, Kind,

Viel Schritte unbewacht,

wer weiß, was das dann für Schritte sind

Im Licht und in der Nacht?

Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt,

Groß ist die Welt und dein.

Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt

Wieder beisammen sein.

Albrecht Goes

Allein den Betern...

Allein den Betern kann es noch gelingen,

Das Schwert ob unsren Häuptern aufzuhalten

Und diese Welt den richtenden Gewalten

Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen;

Was sie vereinen wird sich wieder spalten,

Was sie erneuern über Nacht veralten,

Und was sie stiften Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt

Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,

Indes im Dom die Beter sich verhüllen.

Bis Gott aus unsren Opfern Segen wirkt

Und in den Tiefen, die kein Auf entschleiert,

Die trocknen Brunnen sich mit Leben füllen.

Reinhold Schneider

Schuld

Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt,

ich mußte früher meine Pflicht erkennen,

ich mußte schärfer Unheil Unheil nennen –

mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt...

Ich klage mich in meinem Herzen an:

ich habe mein Gewissen lang betrogen,

ich habe mich selbst und andere belogen –

ich kannte früh des Jammers ganze Bahn –

ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar!

und heute weiß ich, was ich schuldig war...

Albrecht Haushofer

 

Vereinsamt

Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnein. –

Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,

Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!

Was bist du Narr

Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – Tor

Zu tausend wüsten stumm und kalt!

Wer das verlor,

Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,

Zur winterwanderschaft verflucht,

Dem Rauch gleich,

Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr

Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton!-

Versteck, du Narr,

Dein blutend Herz in eis und Hohn!

Die Krähen schrein

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

-Bald wird es schnein,

Weh dem, der keine Heimat hat.

Friedrich Nietzsche

Versuch es

Stell dich mitten in den Regen,

glaub an seinen Tropfensegen

spinn dich in das Rauschen ein

und versuche gut zu sein!

Stell dich mitten in den Wind,

glaub an ihn und sei ein Kind-

laß den Sturm in dich hinein

und versuche gut zu sein!

Stell dich mitten in das Feuer,

liebe dieses Ungeheuer

in des Herzens rotem Wein –

und versuche gut zu sein!

Verraten

Wir sind so sehr verraten,

von jedem Trost entblößt!

In all den schrillen Taten,

ist nichts was uns erlöst!

Wir sind des Fingerzeigens,

der glatten Worte satt!

Wir wolln den Klang des Schweigens,

der uns erschaffen hat.

Gewalt und Gier und Wille

der Lärmenden zerschellt,

Oh komm Gewalt der Stille

und wandle du die Welt.

Werner Bergengrün

Alleentraum

Einmal,

als ich ganz alt wurde,

da ging ich

durch dunkle, verlassene Alleen.

Mit jedem Schritt

wurde mir die Welt fremder,

die Allee vertrauter,

der Tod willkommener.

Aber die Allee war lebendig

und voller Wahrheit

und voller Weltisolation.

Und ich verlor Stock und Hut,

Mantel und Schuhe,

und ich verlor mich selbst.

Aber die Alle blieb bei mir,

die dunkle, gute Allee

voller Geheimnis

und angerührt sein.

Michael Brenner

 

Als sie einmal...

...sehr krank war

und schon so lange lag,

da kam durch ein

zufällig geöffnetes Fenster

eine so schöne Luft

in ihr muffiges Zimmer,

daß sie es als etwas ganz Echtes

und Tiefes und Schönes begriff

und sich fortan auf ihre Krankheit

nicht nur Gesundheit,

sondern auch noch das Leben

mit der Hoffnung

auf nie enden wollende Liebe wünschte,

die, wie sie merkte

im inneren und äußeren Unrat

niemals dauerhaft Platz nehmen kann.

Von diesem Tag an

war sie zum ersten mal bereit

loszulassen, was sie gar nicht meint,

und sich finden zu lassen

von dem, was sie fernab von dieser Welt

erreichen will.

Brenner Michael

 

Wer Liebe sucht..

..und Gott verachtet,

der ist wahrhaftig schwer umnachtet.

Michael Brenner