Gegen Menschen als Ware:

Liebe statt Reduziertheit

Wer kann schon sagen, inwieweit die Sucht nach Sex und das reduzierte Verhalten die westlich industrialisierte Realität bestimmen und das Bewußtsein der dort lebenden Menschen prägt. Sicher ist nur eines: die Reichweite und der Stellenwert ist enorm. Der Einfluß, den Sex auf das Verhalten der einzelnen Individuen hat ist allgegenwärtig. Spürbar im natürlichen Umgang zwischen den Geschlechtern, im geprägten Rollenverhalten, in der Mode, in einschlägigen Zeitschriften bis hin zu den "Zeitgeist-Kulturmagazinen", kaum ein Film ohne Sex, in den Kontaktanzeigen, in den Blicken auf der Fußgängerzone, im obligatorischen Anbaggern in den Discos, im Smaltalk, in den Gesprächen über das andere Geschlecht, in der Schlagermaschinerie und natürlich im ausleben und Praktizieren von Sexualität. (One - Night - Stands, Einpacken, Auspacken, Orgasmus hinauszögern, tausend Tricks und Stellungen, War ich auch gut? Es ist der Warengesellschaft gelungen, das starke und natürliche Verlangen des Menschen nach Liebe zu kanalisieren, letztlich zu verhindern und die freiwerdenden Energien und Bedürfnisse dem Profit zufließen zu lassen. Aus der Sehnsucht nach Liebe wird sexuelle Bedürfnisbefriedigung. Aus Menschen werden Sexobjekte. Frauen, die durch Frisur, möglichst enge und knappe Kleidung, Diäten, raffinierte Schminktechnik, weiblichem Verhalten, möglichst erotischer Unterwäsche in einen fürchterlichen Konkurrenzkampf verstrickt sind - einem gesellschaftlichem Ideal von schlanken, busenbetonten Frauen mit Taille nacheifernd - und was Frau nicht hat, kann sie ja durch Perfektion von dem was sie hat vertuschen... Das Angebot macht’s möglich ! Männer die ihre Körper trainieren, in Bräunungsstudios rennen, die coolsten Klamotten tragen, schnelle Autos fahren, und sich beständig nach dem männlichen Ideal lässig, als Macher, als wissend und erfahren darstellen müssen. Und was Mann nicht hat, kann er ja durch Perfektionierung von etwas anderen vertuschen..... Treffpunkte: Kneipen, Discos, Zeitungsanoncen die als Fleischmärkte funktionieren. Und wenn es in dem einen nicht klappt, kann Mensch ja woanders reingucken. Das Angebot macht’s möglich ! Auswechselbare Idealmänner und Idealfrauen gehen nichtssagende Beziehungen ein, aus Sexualität wird Leistung. Und weil sie austauschbar sind, tauschen sie sich auch täglich aus. Das Angebot macht’s möglich. Eine Unendlichkeit von nichtssagenden Beziehungen wird lebbar und auch wichtig, schließlich muß Mensch sich sein Mann oder Frau sein auch bestätigen. Dieser Wunsch wiederum fußt auf nichts anderem denn auf die körperliche Bestätigung als Sexobjekt. Auch wenn diese Beschreibung überzogen wirkt, frei davon ist kaum

jemand. Reduzierte Liebe (Sex) bekommt einen gewaltigen Stellenwert im Bewußtsein und Leben der Menschen, welche sich bestens in die Industrie- und Entfremdungsgesellschaft einpassen. Wir konsumieren Sex wie Schokolade. Aus einem natürlichen Bedürfnis wird ein Ersatzbedürfnis. Aus Menschen werden Objekte, die sich auf ihren Körper und ihr Geschlecht reduzieren lassen: Ware in der Warengesellschaft. Die Folgen: Massenhafte Ehescheidungen. In längeren Beziehungen die Trennung zwischen Liebe und Schlafzimmer. Ausrichtung des eigenen Lebens auf entfremdete Ersatzbedürfnisse wie "In" sein, "Schön sein", Eitelkeit und Mode was aus nichts anderem resultiert, als auf dem ursprünglichen Wunsch angenommen zu werden, aber Objekte kann niemand annehmen. Aus dieser Ausrichtung resultiert auch der Verlust von gelebter Kreativität und eigenen gelebten Bedürfnissen. Konkurenzdenken das in die Isolation führt. Zunehmende sexuelle Aggression: Frauenvergewaltigungen, Kindesvergewaltigungen, Gewaltpornos, Triebhaftigkeit.... Die Unfähigkeit zur Liebe, weil Liebe gleichberechtigter ganzer Menschen bedarf, nicht reduzierter Objekte. Verlust individueller Verhaltensweise. Ein Umdenken von Sexualität in Befriedigungsdenken. Manipulierbarkeit. Die Erziehung zum reduzierten Umgang und Objekt beginnt früh, gleich nach dem Lesen lernen. Über Sexualität wird in der Familie nicht gesprochen, weil der reduzierte Umgang damit doch zu peinlich wäre. Dafür gibt es dann aber auflagenstarke Jugendblättchen (z.B. BRAVO, Mädchen, Pop - Rocky Anm. ) die wissen, wie aus Pubertät Gewinn gezogen werden kann. Ach so aufgeklärte Onkels und Tantchen geben hier gute Ratschläge für den Geschlechtsverkehr mit 13, schreiben für einen angeblich ungezwungenen Umgang mit der Sexualität. Schminktips für Mädchen. Eine gute Portion Pornographie, und Artikel die nur um das eine kreisen: Umfrage: Wie mögt ihr Samanta Fox lieber - als Ausziehmieze oder als zugeknöpfte Rock - Braut. 14 Bilderchen illustrieren was gemeint ist. Die Antworten zeigen den gewünschten Erfolg: Ich finde Sammy ohne viel besser. Nicht viele haben solche Reize zu bieten - und ziehen sich auch noch aus. Warum soll Sammy denn nicht zeigen was sie hat? Ja, warum bloß? Nur die Mädchen hielten sich angeblich zurück und waren ein wenig prüde. Aber vielleicht gibt es ja mal eine Umfrage mit einem nackten Mann.....? Es ist einsichtig, daß jugendliche in der Pubertät ein großes Interesse an Aufklärung und sexuellen Themen haben. Wenn mit diesen Bedürfnissen dann aber derart unverantwortlich umgegangen

wird, der Jugendliche mit seiner Pubertät alleingelassen - und den Sensationsblättchen keine natürliche und offene Aufklärung entgegengesetzt wird (Bloß nicht alternativ dazu die Pro-Familia oder Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Anm. ) dann braucht sich auch niemand zu wundern. Denn in den Blättchen wird exakt das beschrieben was schließlich Realität ist. Und wie soll ein Mensch, der durch eine solche Schule gegangen ist merken, daß daraus ein unnatürlicher, problembelasteter Umgang resultiert? Oder überhaupt jemals begreifen, daß sie / er seine / ihre sexuellen Bedürfnisse selber formen und bestimmen kann? Das Objektdenken dem Bedürfnis nach Liebe vollkommen entgegensteht - weil Mensch sich Wohl niemals angenommen empfinden kann, wenn

sie / er im Bett zu einem Geschlechtsorgan reduzierten Fleischbratzen degradiert. Die Sexgesellschaft derzeitiger Ausprägung ist noch nicht alt und steht erst am Anfang ihrer auswüchse ! (...) Den Grundstein dazu dürfte die Revolte gegen die bürgerlichen Normen in den 68er Jahren gelegt haben, deren berechtigter Protest zu einer ebenso übersteigerten Gegenreaktion führte: aus genormter und repressiver Sexualität, mit überzüchteten Moralismen, wurde die ach so freie Bumsorgie. Daß dieser Protest keineswegs reflektiert gewesen sein dürfte, zeigt der fast zynisch erscheinende Begriff der "freien Liebe "Denn was die Degradierung von Menschen zu Objekten und die damit verbundene Spielregel mit Freiheit zu tun haben sollen, bleibt ein großes Rätsel. Ganz im Gegenteil zu anderen Zielen der 68er Generation hat sich ihre Sexualität durchgesetzt.

Uns wird aus Liebe etwas wie ein Märchen, etwas unerfüllbares, welches aus unerklärlichen Gründen die Nervenknollen der Menschen durchspukt. Und doch wäre sie lebbar wenn erkannt würde... Schafen wir die sexuelle Reduziertheit ab, und setzen an ihrer Stelle Liebe und einen natürlichen Umgang, wer mag schon die Folgen erahnen.

(Molli - Zeitung 1994)