Interview mit Reinhard Mey

"Focus: Herr Mey, lassen Sie uns über vorurteile sprechen. Über Sie heißt es, sie seien ein alter 68er.

Mey: Ich war 1968 in Paris und habe die Mai-Unruhen miterlebt. Dabei habe ich die Gewalt gesehen,

die fliegenden Pflastersteine und die Verletzten auf beiden Seiten. So dürfen Menschen nicht miteinander

umgehen. Ich sah, dass mit der Revolution neues Unrecht und Zerstörung verbunden war.

Focus: Wie war die Reaktion auf ihre Distanz?

Mey: Wenn man 1968 in Deutschland nicht bedingungslos hurra und ja zu allem, was Umsturz war, gesagt hat,

dann war man für manche schon ein reaktionär. Der typische 68er war ich damals nie, weil ich nicht nur den

bestehenden Umständen kritisch gegenüber stand, sondern auch dem, wie es verändert und zerschlagen werden

sollte. Und heute nicht, weil ich meine Ideale nicht für die Krumen am Tisch der Wirtschaftsbosse verrate.

Focus: Ihren Texten kann man entnehmen, dass es ihrer Meinung nach mit der geistigen Freiheit auch heute

nicht weit her ist.

Mey: Der Jammer ist, dass diese geistige Freiheit nicht genutzt wird. viele junge Leute geben sich mit dem

zufrieden, was ihnen präsentiert wird. Dabei passiert so viel, wogegen man auf die Straße gehen müßte.

Focus: Zum Beispiel?

Mey: Es gibt Menschen, die unrecht tun und wieder in Gnaden aufgenommen werden.

Kein Mensch schert sich darum, daß sie Sklavendienste in Anspruch genommen haben.

Focus: Auf wen sprechen Sie an?

Mey: Auf Michael Friedmann. Meinetwegen kann er soviel koksen, bis ihm die Nase wegfliegt.

Aber wenn er weiß, daß er Menschen benutzt, die als Sklavinnen gehalten werden, dan ist das ein

Verbrechen. Danach jedoch schwingt er sich wieder zur moralischen Instanz auf. Wir leben

in einer Zeit, in der man über solche Sachen hinwegsieht.

(....) Focus: "Nmach welchem Motto handeln Sie dabei?

Mey: Üb immer treu und Redlichkeit. Das ist sicher aus der Mode gekommen,

aber es ist trotzdem eine wunderbare Lehre."

 

Soviel schöne Lieder hat Reinhard Mey schon gesungen, soviel treffendes gesagt, leider aber niemals

Gott für seine Existenz gedankt. Holt er das noch nach?