Auszüge aus der Predigt von Kardinal Ratzinger
Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger hat am Morgen den Gottesdienst „Pro eligendo papa“ (Messe zur Papstwahl) im Petersdom gehalten. Im folgenden Auszüge aus seiner Predigt:
„Die Barmherzigkeit von Christus ist keine billige Gnade, sie darf nicht als Banalisierung des Bösen verstanden werden. Christus trägt in seinem Körper und in seiner Seele das ganze Gewicht des Bösen, dessen ganze zerstörerische Kraft. Er verbrennt und verwandelt das Böse durch sein Leiden, im Feuer seiner leidenden Liebe.“
„Wie viele verschiedene Glaubenslehren haben wir in den vergangenen Jahrzehnten kennen gelernt, wie viele ideologische Richtungen und wie viele Denkweisen (...) Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wellen geschüttelt und dabei von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter. Jeden Tag werden neue Sekten geboren und dabei verwirklicht sich, was der Heilige Paulus über die Täuschung der Menschen sagt (...). Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgetan. Während der Relativismus, bei dem man sich von einer Glaubenslehre zur anderen hinreißen läßt, als die einzige, den heutigen Zeiten entsprechende Verhaltensweise erscheint. So entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als das letzte Maß aller Dinge nur das eigene Ich und dessen Gelüste versteht.“
„Alle Menschen wollen eine Spur hinterlassen, die bleibt. Aber was bleibt? Das Geld nicht. Auch die Gebäude bleiben nicht; ebenso wenig die Bücher. Nach einer gewissen, mehr oder weniger langen Zeit verschwinden all diese Dinge. Das einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele, der von Gott für die Ewigkeit erschaffene Mensch. Die Frucht, die bleibt, ist deshalb diejenige, die wir in den menschlichen Seelen gesät haben - die Liebe, die Erkenntnis; die Geste, die es schafft, das Herz zu berühren; das Wort, das die Seele öffnet, hin zur Freude des Herrn. (...) Nur so wird sich die Erde vom Tal der Tränen in den Garten Gottes verwandeln.“
„Aber in dieser Stunde beten wir vor allem eindringlich zum Herrn, damit er uns nach dem großen Geschenk, das Papst Johannes Paul II. war, wieder einen Hirten ganz nach seinem Herzen schenkt, einen Hirten der uns zur Erkenntnis von Christus führt, zu seiner Liebe, zur wahren Freude. Amen.“
Artikel erschienen am Mo, 18. April 2005 DIE WELT<