"Niemand hat ein Recht auf Perversion!"

Michael Brenner über Kinder, Comics und Kondome

Ganze 16 Mitglieder zählt sein Verein "Menschen-Umwelt-Tiere e.V." Dennoch hat der Dilsberger Michael Brenner, 37, mit der von ihm initiierten Comic-Beschlagnahme im April die bundesrepublikanische Medienlandschaft aufgemischt.

ruprecht: Herr Brenner, Sie sehen sich nach der Osteraktion in der Presse verschiedentlich falsch dargestellt. Was sind die wahren Ziele des "MUT e.V."?

Brenner: Der Kampf gegen Kinderpornographie beispielsweise. Schaut Euch mal diese Bilder an. (zeigt Fotos) Und jetzt sagen die Pornohändler, die das haben, das ist keine Kinderpornographie, weil ein Erwachsener auf diesen Photos nicht zu sehen ist. Und wenn das Kind isoliert von Erwachsenen betrachtet wird, dann ist es nicht mehr Kinderpornographie. Und dementsprechend haben die auch Erfolg mit ihren Postern, Dias, Illustrierten, Videos. Dagegen kämpfe ich seit sechs Jahren intensiv, dagegen habe ich zahllose Eingaben gemacht, und die Bundesprüfstelle schreibt, daß die Würde der abgelichteten Kinder und der Kinder allgemein durch solche Abbildungen in eklatanter Weise verletzt werde, daß man aber aufgrund der bestehenden Rechtslage nicht indizieren könne. Das heißt also, diese Kinderpornographie wäre von der Rechtslage angeblich nicht erfaßt, obwohl ein Mensch mit nur ein bißchen Bewußtsein erkennt, was sich hier abspielt. Das Auge der Kamera ist immer in Geschlechtsteilhöhe, Vierfarbdruck und, und, und, da gibt's tausend Sachen zu sagen, woran man erkennen kann, es ist Kinderpornographie. Das sollte längst verboten sein. Jetzt habe ich das Versprechen von mehreren Ministerien bekommen, daß sich in dieser Legislaturperiode etwas ändern wird. Allerdings klopfe ich da schon sechs Jahre an, und die haben es nicht besonders eilig damit.

Eine andere Variante ist z.B. das "Zeig mal"-Buch. Da steht etwa, daß sie in Holland dreißig Probanden gehabt hätten, die als Kinder sexuelle Beziehungen zu Erwachsenen gehabt hätten, und die würden das rückblickend fast durchgehend positiv bewerten, und dann hätte man eine charakterologische Untersuchung gemacht, und die hätte bewiesen, daß genau diese Erwachsenen heute weniger verkrampft und depressiv wären als der Durchschnittsbürger. Das soll dann der wissenschaftliche Beweis dafür sein, daß das o.k. ist, wenn ein Kind Sex mit Erwachsenen hat. Das gesamte Buch wird einmal bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung umworben, und teilweise bei der pro-familia. Da heißt es dann, ja, wir wollen ja nur vom möglichen Spektrum von Aufklärungsangeboten alles anbieten. Da sage ich dann, die können ja nur ihre Auflage halten, weil ihr das ständig in euren Blättern führt und es noch hochlobt!

Ich bin der Meinung, daß die Kinderpornos labilen Erwachsenen Lust auf Kinder machen und nicht, wie früher behauptet wurde, Blitzableiterfunktion haben, d.h. sie holen sich einen runter und lassen dafür die Kinder in Ruhe.

Und das ist das andere: Es geht mir um Menschenverachtung in Comicheften, und das haben wir dem Staatsanwalt auch klargemacht, haben Sachen eingeschickt, und wenn jetzt Ralf König mit einbezogen wird, dann ist das eine Sache, die liegt nicht in erster Linie an mir. Beim Ralf König kann man drüber streiten, was er macht. Ich finde es geschmacklos, ich würde das auf keinen Fall unterstützen, aber ich finde es auch nicht so schlimm, daß ich es mit aller Macht verbieten wollte, es ist nicht mein Angriffsziel.

ruprecht: Sie distanzieren sich also von den Punkten, für die Sie jetzt vor allem angegriffen wurden?

Brenner: Ja, davon würde ich mich klar distanzieren. Angriffsziel ist beispielsweise das Buch "Dieses Buch ist ätzend - Beavis und Butthead" aus dem Carlsen-Verlag. Der MTV-Chef hat gesagt, daß diese Figuren alles andere als für Kinder gedacht wären. Gleichwohl wird das Buch tagsüber an Kinder verkauft. Kinder machen nach, was da gezeigt wird. Wenn man z.B. sieht, wie ein Schädel eingeschlagen wird und die Zähne vorne rausfliegen; was ist daran cool, wenn so was passiert?!

ruprecht: Hier ist die Grenze des Komischen überschritten?

Brenner: Ja, weit! Deswegen ist das ein konkreter Angriffspunkt. Und da denke ich, das ist keine Beschneidung der Freiheit, wenn man gegen Menschen kämpft, die die Freiheit so unterdrücken, denn die bringen die Freiheit dadurch in Gefahr. Weil wenn Freiheit die Freiheit ist, das Menschenbild so tief runterzudrücken, dann weiß ich nicht, wie man Freiheit eigentlich noch definiert.

Aber das hier ist unser Hauptangriffspunkt: der alpha Comic-Verlag. In der Serie "Carnivora", d.h. Fleischfresser, "Morbus Gravis 4", da wird gezeigt, wie eine Frau zur Schlachtbank geführt wird, und wo dann eine Schwangere da liegt, die aufgeschlitzt wird, und so weiter. Und die Verleger sagen dazu: "Das ist der hohe Wert der Kunst." Merkwürdigerweise sagt das auch die Bundesprüfstelle, obwohl es so exzessiv dargestellt wird. Aber es gibt keine Chance, dagegen anzugehen. So eine extreme Frauenverachtung sollte irgendwo Grenzen finden. Da ist der Mensch nur noch ein Stück Fleisch.

ruprecht: Die momentane Aufregung bezieht sich ja auf diese Suchung, die der momentanen rechtlichen Lage nach auf ziemlich wackligen Beinen stand. Sie sagen jetzt, daß es Ihr Ziel sei, die Gesetzeslage zu ändern.

Brenner: Ja, genau, damit nicht immer alles über diesen Kunst-Paragraphen läuft. Es gibt zwei Aussagen der Staatsanwaltschaft: Die eine ist immer wieder "Es ist kein öffentlicher Handlungsbedarf da" - die Öffentlichkeit interessiert sich also nicht dafür, warum soll dann was getan werden, - und die andere ist eben, daß sich auf Kunst berufen wird. Da gibt es einen Beschluß vom Bundesverfassungsgericht, der besagt, daß selbst schwer sittlich gefährdende Jugendschriften auch dann zulässig sein können, wenn sich auf Kunst berufen wird. Und das ist gängige Praxis. Das regt mich auf. Man kann in diesem Land zu allem was sagen, eine Prise Sozialkritik drüberstreuen, und dann soll man's aber gut sein lassen. Aber wehe, wenn man mal echte Konfliktbereitschaft zeigt, dann knallt's, weil dann werden plötzlich andere Interessen berührt, vor allem finanzielle Interessen, und dann gibt's Ärger.

ruprecht: Die Suchungen, denen Sie Ihr Negativimage verdanken, hat der Meininger Staatsanwalt mangels besserer Argumente mit "Gefahr im Verzuge" begründet, und das hat ein bißchen lächerlich gewirkt, weil die Bücher zum Teil schon lange im Handel sind. Würden Sie die Aktion als voreilig bezeichnen oder sich von dem Staatsanwalt distanzieren?

Brenner: Ein Staatsanwalt kann nicht die Hand dafür ins Feuer legen, daß ein Polizist das richtige raussucht. Der Polizist sagt sich: "Da seh ich was, könnte was sein, greif zu. "Außerdem sind das ja jetzt noch Vorermittlungen, hier hat ja noch gar kein Urteil stattgefunden. Die Arbeiten, die jetzt beginnen, dauern noch ein Jahr. Danach muß man sehen, was wirklich konfisziert wird. Aber es wird schwer werden, weil wir ein Marktrecht haben, das das Gesetz längst überwuchert hat. Es gibt auch viele Staatsanwaltschaften, die mir gleich abschlägig geantwortet haben, als ich gegen knüppelharte Dinger vorgegangen bin.

ruprecht: Ist es nicht Aufgabe der Eltern zu kontrollieren, was ihre Kinder kaufen und lesen? Muß da gleich der Staat kommen und die Bücher von vornherein verbieten?

Brenner: Natürlich ergeht an die Eltern der Appell, darauf zu achten, was die Kinder kaufen, aber daraus darf nicht resultieren, daß der Verleger sagt: Lassen Sie mich meine Verbrechen machen, und sagen Sie, die Eltern sollen achtgeben. Dagegen vorzugehen ist eine reine Verteidigung der Demokratie, der Freiheit und der Menschenwürde.

ruprecht: Wie kommen Sie zu Ihrem starken Engagement?

Brenner: Ich habe Kinder in Heimen erlebt, wo ich gearbeitet habe, das Kinderelend da drin, und da habe ich immer wieder erfahren: Kinder wollen echte Zuwendung und echte Liebe, die wollen, daß sich ganzheitlich um sie gekümmert wird. Das ist aber leider oft nicht gegeben. Da habe ich gesagt, setzt Euch für diese Kinder ein. Bietet Ihnen eine gute Atmosphäre, in der sie aufwachsen können. Da ist mir auch mal ganz wichtig, mal zu sagen, daß auch ein Erwachsener absolut kein Recht auf Perversion hat. Kein Erwachsener kann sich hinstellen und sagen, ich bin 18 Jahre und ich will jetzt gefälligst sehen, wie eine Schwangere aufgeschlitzt wird. Niemand hat dies Recht. Und deshalb sollte man diese angeblichen Verfechter der Meinungs- und Kunstfreiheit sich nicht zu sehr vermehren lassen, denn irgendwann wird es einen ungeheuren Erdrutsch geben, wenn wir das Unrecht so sehr bagatellisieren.

ruprecht: Die Bravo gehört ebenfalls zu ihren Angriffszielen...

Brenner: Ja, aber es sind immer konkrete Dinge. Ich gehe nicht hin und sage, ach, da ist ein nackter Mensch, das stört mich. Beispiel Aufklärung: An Fragen können natürlich die unmöglichsten Dinge entstehen. Das finde ich gar nicht so schlecht, wenn das noch einigermaßen repräsentativ ist. Was hier an Erziehungshilfe aber rübergegeben wird, ist nicht nur wertfrei, das ist auch wertlos und am Ende gefährlich. Ist das die Aufklärung, ist das die Lebenshilfe, daß man über alles ein Kondom drüberzieht? Das ist mir zu wenig, und deshalb geht mein Angriff auch gegen Institutionen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

ruprecht: Überschreitet die Bravo die Grenze zwischen Aufklärung und Pornographie?

Brenner: Ich glaube, die Bravo verwechselt zwei Worte miteinander: Aufklärung und Auflage. Die Bravo redet von Aufklärung und produziert Softpornographie.

Sexualität ist eine sensible Sache, es soll etwas Geheimnisvolles sein, es soll etwas Intimes sein, dann ist es ja eigentlich erst spannend und schön, und wenn die jetzt so drüberwegrutschen, kann man sich doch denken, daß das Register sehr schnell ausgereizt ist und daß es dann in eine Richtung geht, wo sie nicht mehr wissen, wie es weiterlaufen soll, nämlich in eine negative Einsamkeit.

ruprecht: Sie wollen konkrete Mißstände geändert sehen. Den Vorwurf der Gefahr eines staatlichen Dirigismus nehmen Sie dabei in kauf?

Brenner: Es muß eingeschritten werden, wenn Menschenverachtung und insbesondere Frauen-, Kinderverachtung beginnen. Ich kann nicht ständig die Hände verschränken und sagen: 'Ach, wir leben in einer Demokratie. Macht alles kaputt! Ich tu nichts dagegen.' - Das ist nicht der Auftrag der Demokratie, daß jeder die Sau rauslassen kann, sondern der Auftrag der Demokratie ist, die Demokratie, das Menschenbild zu schützen. Ich wundere mich zum Beispiel sehr über das mangelnde Engagement der Studenten in Heidelberg. Es gibt soviel Pädagogik-Studenten, die Kindergruppen machen könnten. Ich höre nichts davon. Wo ist das soziale Interesse, das soziale Engagement? Ist der Mensch heute nur noch Ego? Aber damit werde ich mich wieder unbeliebt machen. Ich sage klar und deutlich: Tut etwas! Das Leben ist kein Spiel, sondern es ist etwas Schützenswertes.

Man sieht es immer wieder, daß der Selbstschutz des Menschen sehr dünn ist. Und wenn der dann durch Objektdenken zerrissen und durchlöchert wird, dann ist der Mensch einer Prostituierungstendenz in der Gesellschaft preisgegeben. Ich will nicht versuchen zu sagen, was wahr ist und was nicht wahr ist - darum geht es mir nicht. Mir geht es nur um so Grundpfeiler, daß man sich an die hält, die zehn Gebote zum Beispiel.

ruprecht: Wäre es Ihren Zielen nicht dienlicher, wenn Sie sich in der Öffentlichkeit insgesamt weniger einseitig präsentieren würden?

Brenner: Ich denke, wenn man eine Sache wirklich will, dann kann man das wahrscheinlich nur mit einem Eisbrecher, das geht nicht anders, und wenn es irgendwo wirklich knallhart gegen das Menschenrecht angeht, dann muß man auch knallhart kontern.

Mir war von Anfang an klar: Ich hätte mit dem Verein abheben können wie eine Rakete. "Menschen - Umwelt - Tiere", der Name ist von Kindern ausgesucht worden, das klingt umfassend, einfach gut, und ich hätte uneingeschränkte Zustimmung haben können. Aber einfach reden und mit den Kindern ein paar publikumswirksame Aktionen machen, die keinem wehtun? Es gibt Konflikte, und deshalb muß auch Konfliktbereitschaft dasein. Oberflächliche Sozialkritik reicht nicht aus, und deshalb sage ich mir, ich gehe den harten Weg und hoffe, daß ich damit auf lange Sicht Erfolg habe. Es ist immer ein Kampf David gegen Goliath. (jpb, mab)