Rede Hohmanns und die Folgen

 

Wenn ein von deutschen Bürgern gewählter Abgeordneter eine solche Rede vor dem Bundestag hält ist er ein Antisemit??

if (this.document == top.document){parent.location.href=('/wysmar/hohmannwys.nsf/WYSFrameset3?ReadForm&Seite1=/wysmar/hohmannwys.nsf/Seiten/blanc.html?OpenDocument&Seite2=' + document.location.href + '&');}Bundestagsrede von Martin Hohmann, CDU/CSU-Fraktion 06.06.2003

zur 2./3. Lesung des Gesetzes zumVertrag vom 27. Januar 2003 zwischen der Bundesrepublik Deutschland unddem Zentralrat der Juden in Deutschland

Präsident Wolfgang Thierse:

Ich erteile das Wort dem Kollegen Martin Hohmann, CDU/CSU-Fraktion.

 

Martin Hohmann (CDU/CSU):

Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen undKollegen! Alle Redner haben so gesprochen, dass ich nur sagen kann: Ichkann alles bekräftigen und unterstützen. Besonders möchte ich michnatürlich auf Wolfgang Bosbach, unseren stellvertretendenFraktionsvorsitzenden, beziehen. Ich möchte das nicht wiederholen, aberich bekräftige: Juden gehörten seit Jahrhunderten zu uns. Unser allerWunsch ist: So soll es wieder werden.

Ichdarf etwas, was noch keiner gesagt hat – als Letzter hat man es einwenig schwer, etwas bisher Ungesagtes zu bringen –, hinzufügen: Wirhaben bei der Zuwanderung nach Deutschland jetzt sogar die Situation,dass erstmals mehr Juden nach Deutschland gekommen sind als nachIsrael. Das wird vielleicht noch manchem Kopfzerbrechen bereiten. Aberes ist ein sehr positives, gutes Zeichen.

Meinesehr geehrten Damen und Herren, die ersten Architekten und Baumeisteram Haus der deutsch-jüdischen und der deutsch-israelischen Beziehungenwaren David Ben-Gurion und Konrad Adenauer. Konrad Adenauer formuliertedie noch heute gültige Basis, auf der auch der zur Abstimmung stehendeStaatsvertrag letztendlich beruht. Ich zitiere:

Werunsere besondere Verpflichtung gegenüber den Juden und dem Staat Israelverleugnen will, ist historisch und moralisch, aber auch politischblind. Der weiß nichts von der jahrhundertelangen deutsch-jüdischenGeschichte und nichts von den reichen Beiträgen, die von Juden zurdeutschen Kultur und Wissenschaft geleistet worden sind. Er begreiftnicht die Schwere der Verbrechen des na-tionalsozialistischenMassenmordes an den Juden.

So weit Konrad Adenauer.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Glaubekeiner, über dem deutsch-israelischen Verhältnis habe damals so etwaswie der Zauber des Anfangs gelegen. Nein, zwischen den erstenGeheimkontakten im Jahr 1951, der Vertragsunterzeichnung im Jahre 1952und, erst ein ganzes Jahr später, der Ratifizierung im März 1953 lagenriesige Anstrengungen für alle Betei-ligten. Außerdem schwebte dasDamoklesschwert des gänzlichen Scheiterns über dem Vorhaben. MancheAbgeordneten stimmten wegen der Höhe der Entschädi-gungssumme oder derdrohenden Verärgerung der Araber nicht zu oder enthielten sich.Letztendlich war der erfolgreiche erste Schritt der Mehrheit der CDUund der geschlossenen Zustimmung der Sozialdemokraten zu danken. Auchdie Anbahnung der diplomatischen Beziehungen glich unter anderem wegendes Kräftevierecks Bundesrepublik Deutschland, Israel, DDR, Ägypteneher einer Echternacher Springprozession, bis unter Kanzler Erhard am12. Mai 1965 Botschafter ausgetauscht wurden.

Nein, einfach war es nie, weder die deutsch-israelischen Beziehungen noch das deutsch-jüdische Zusammenleben in Deutschland.

Woran das liegt, hat György Konrad, der langjährige Präsident der Berliner Akademie der Künste, so ausgedrückt:

Vonwenigen Ausnahmen abgesehen, sind wir weder Täter noch Opfer. DurchBlutsbande, Bekanntschaften oder kulturelle Bindungen aber gehen sieuns etwas an. Wir wissen von ihnen… Auf einer inneren Bühne sind sieanwesend, lassen sich nicht verscheuchen. Sie kommen.

GyörgyKonrad hat Recht. Wer eine bewusste geschichtlich-kulturelle Prägungerfahren hat und sich sei-ner Entität zugehörig fühlt, der ist demKommen, besser gesagt dem Hinzudrängen der Täter-Opfer-Rolle fasthilflos ausgesetzt. Nicht jeder bringt so viel Geduld auf und schätztes als erfreuliche Herausforderung ein wie Avi Primor, der israelischeBotschafter der Jahre 1993 bis 1999, wenn sein deutscherGesprächspartner unweigerlich und als Erster, was auch immer derGegenstand und ursprüngliche Grund des Treffens gewesen sein mochte,das Thema Nazivergangenheit anschnitt.

DieserVergangenheitskomplex führt zu seltsamen Fehlhaltungen und treibt auchBlüten. Gestatten Sie mir bitte, Ihnen in diesem Zusammenhang eineBeobachtung mitzuteilen, die ich beim Nachlesen einschlägigerBundestagsprotokolle machte. Spricht ein Mitglied des Bundestages übereinen deutschen Juden, wird meist – Herrn Beck nehme ich ausdrücklichaus – die Umschreibung "jüdischer Mitbürger" oder "jüdischer Bürger"gewählt.

ProfessorDr. Ernst Tugendhat, Philosoph und deutscher Jude, berichtete in demWochenblatt "Die Zeit" Ähnliches. In Deutschland, und nur inDeutschland, werde die Frage nach der Zugehörigkeit so gestellt: SindSie jüdischer Abstammung? Er fühle sich dann immer etwas gekränkt undsehe sich genötigt, zu antworten: Ich bin nicht nur jüdischerAbstammung; ich bin auch Jude.

Diehöfliche Vorsicht, die in der umständlichen Frageform liegt, löst beiTugendhat, so sagt er, ein ungutes Gefühl aus. Er kann es sich nur sovorstellen, dass der Fragende das Jude-Sein als etwas Anrüchiges, alseinen Makel empfindet. Wie würde es in unseren Ohren klingen, wenn manbeispielsweise den Berliner Kardinal fragte: Sind Sie katholischerAbstammung?

AuchIgnatz Bubis ging diese gewundene Umschreibung gegen den Strich. 1996ließ er einen so genannten koscheren Knigge herausgeben. Darin heißt eswörtlich:

Siedürfen ruhig "Jude" sagen. Das Wort ist nicht beleidigend. Wenn esIhnen dennoch nur schwer über die Lippen kommt, dann hat das damit zutun, dass irgendwo in Ihrem Hinterkopf noch rudimentär frühere Zeitenstecken. Das allerdings ist Ihr Pro-blem, nicht unseres.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Warum nicht von Ignatz Bubis lernen? Mit allem Respekt: Ein Jude ist ein Jude; ein Christ ist ein Christ.

(Vorsitz: Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms)

Diepsychologische Erklärung für den Hang, das schlichte Wort Jude nicht zugebrauchen, dürfte in der Tat darin liegen, dass es für viele Deutscheassoziativ mit der Judenvernichtung besetzt ist. Zugleich – das hatHerr Beck schon angesprochen – sind uns religiöse Inhalte und Riten desJudentums weitgehend fremd geworden. Wir wissen wenig von demreligiösen Universum und Reichtum einer 5 763-jährigen Geschichte alsauserwähltem Volk. Die Juden sind – ich spreche als Christ – unsereweit älteren Brüder und Schwestern. Sie waren sozusagen Gottes ersteLiebe. Gott sagt in Genesis 12,3 zu Abraham:

Durchdich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Ich will segnen,die dich segnen, wer dich verwünscht, den will ich verfluchen.

Indemwir Juden in unserer Vorstellung und aufgrund unserer Kenntnisdefizitevon ihren religiösen Prägungen separieren, rauben wir ihnen denWesensteil, der ihnen als einziges Volk der Welt ein jahrtausendelangesÜberleben und ein Bewahren ihrer Identität gesichert hat. Ziel desVertrages mit dem Zentralrat der Juden ist jedoch ge-rade, jüdischeIdentität sowie jüdisches kulturelles und religiöses Leben, alsoJüdischkeit, in Deutschland langfristig zu sichern.

WolfgangBosbach hat das gute Einvernehmen zwischen dem Zentralrat und der Unionbetont. Ich pflichte dem auch mit Hinweis auf die gemeinsam gewünschteÄnderung des § 166 StGB bei. Übereinstimmend mit dem jüdischenVertreter sprach sich die Unionsfraktion für eine Verbesserung desSchutzes religiöser Bekenntnisse aus. Parallele Anschauungen sind auchin der Abtreibungsfrage zu verzeichnen. Oberrabiner Berger bezeichneteAbtreibung als strafwürdiges Blutvergießen.

Da vor dem Kriege gerade die liberalenjüdischen Gemeinden in Deutschland stark vertreten waren, bleibt mirabschließend nur die Bitte an den Zentralrat, die geringe Zahl der neugegründeten liberalen jüdischen Gemeinden an der jährlichen Dotationanteilsmäßig zu beteiligen.

Schließenmöchte ich mit einer Vision von einem zukünftigen umfassenden undfriedlichen Zusammenleben aller Menschen guten Willens unter einem Dachund möchte dazu aus der Offenbarung des Johannes zitieren:

Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Er wird ihr Gott sein, sie werden sein Volk sein.

Danke.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

 

Wegen dieser Rede wurde der Abgeordnete Hohmann stigmatisiert und ausgegrenzt, wie ein Verbrecher behandelt. Die CDU-Vorsitzende Merkel verhielt sich besonders feige. Auch bei unberechtigter Kritik zittern unsere Politiker und zeigen hündischen Gehorsam.