Steig auf aus deinem Grab, du blanker Sittenrichter,
Und siehe, wie das Rad sich abermals gewand.
Du deutscher Sterbensnot und Mühsal herber Dichter,
Durchstreife kundgen Augs dein wundes Vaterland.
Und findest du nicht Dorf und Stadt in Trümmern rauchen,
Weil endlich die Gewalt sich selber ausgebrannt,
So wird dein Blick doch in des Volkes Herze tauchen,
Und ach, du findest viel im alten, irren Stand.
Wirst du nicht neu dein bittres Klagelied erheben,
Dem Trümmerhauf entflieh im härnen Bußgewand?
O schnöde, arge Welt! O du vergeudet Leben!
Du hoffartstrunknes Herz, wie liegst du tief im Sand! -
Ein Vierteltausend Jahr spannt seinen bunten Bogen
Von dir zu uns, und alles Einzelglück und -leid
Verschwebt, weil unsres Volkes welterschütternd Wogen
Erschwoll und sank zu Tal im Taumel der Gezeit.
Des Gottes schwere Hand lag auch auf deinen Tagen:
Deutschland zutiefst in Not, verblutet und vertan!
Aus eigner Kraft ermannt und himmelhoch getragen,
Rang es empor und fiel in doppelharter Bahn.
Uns fruchtet kein Gewinn auf glatten Maklerwegen,
Jung stürmt das herbe Blut und muß im Schmerz erblühn.
So aber wächst und reift in uns ein Weltensegen
Und wird in reinem Licht erglühn, wird erglühn!
Nun schüttle ab, Simplicius, die Schweigenshülle,
Zeig deiner fernen Zeiten nahverwandte Fülle!
Aus: "Der abenteuerliche Simplissimus", von Grimmelhausen